Wiener Stadtpolitik

Wiener Rathaus mit Regenbogenfahne zur Vienna Pride

Die Wiederauflage der rot-grüne Stadtregierung für die nächsten fünf Jahre steht und im Koalitionsabkommen wurde explizit auf LGBTIAQ bezug genommen. Wir haben uns angesehen, was die beiden Parteien zum Thema LGBTIAQ vereinbart haben. Generell zieht sich der Wunsch nach einer weltoffenen und toleranten Stadt durch das 138seitige Regierungsabkommen.

Sandra Frauenberger
Stadträtin Sandra Frauenberger

Durch das Ausscheiden eines sozialdemokratischen Stadtrates aufgrund des Wahlergebnisses wurde eine Neuordnung der Kompetenzen notwendig. Die LGBTIAQ-Agenden verbleiben in der neuen Stadtregierung weiterhin bei Stadträtin Sandra Frauenberger, die schon 2007 durch Ihr Engagement für die Community positiv aufgefallen ist. Zu ihren bisherigen Aufgaben erhält die Sozialdemokratin die komplexen Schulagenden dazu.

Wiener Antidiskriminierungstelle für gleichgeschlechtliche und transgender Lebensweisen
Logo der WASt

Wir sehen das als große Chance, denn gutes Zusammenleben und gegenseitige Akzeptanz sind Werte, die besonders Heranwachsenden so früh wie möglich - also in der Schule - vermittelt werden müssen. Darüber hinaus leiden gerade Jugendliche unter Mobbing und Attacken von MitschülerInnen. Ist es doch gerade die Jugend, in denen sich die meisten Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgenderpersonen und Intersexuellen mit Ihrer Sexualität und Identität auseinandersetzen müssen.

Die WASt - die Wiener Antidiskriminierungstelle für gleichgeschlechtliche und transgender Lebensweisen nimmt auf nationaler und internationaler Ebene bereits seit Jahren eine positive Vorreiterrolle ein.

„Wien unterm Regenbogen: Vielfalt und Akzeptanz“

Unser Ziel ist es, Wien bis 2020 zur Regenbogenhauptstadt Europas zu machen, die für ihr gesellschaftliches Klima der Offenheit, Solidarität und Akzeptanz geschätzt wird. Vom Bildungsbereich über die Jugendarbeit bis zum Arbeitsplatz und zur Pflege – wir setzen uns für gleiche Rechte in allen Lebensbereichen ein, frei von Diskriminierung. Egal ob lesbisch, schwul, bi, trans, inter oder hetero – Wien steht zu dir!

Regenbogenhauptstadt Wien

Wien soll bis 2020 Regenbogenhauptstadt Europas werden.

Daher vereinbaren wir:
- Die Stadt gründet gemeinsam mit SozialpartnerInnen und Unternehmen ein Bündnis gegen Homophobie und Transphobie.
- International wird das „Rainbow Cities Network“ ausgebaut.

Bekämpfung von homophober und transphober Diskriminierung und Gewalt

Die „Queer in Wien“-Studie hat gezeigt, dass immer noch 27,8 % der LGBTIQ-Personen in Wien Diskriminierungs- oder Gewalterfahrungen im öffentlichen Raum erleben. Fast die Hälfte der Lesben, Schwulen, Intersexuellen und Transgender sind nicht out am Arbeitsplatz. Ein angstfreies Leben und ein Sicherheitsgefühl, sowohl im öffentlichen Raum als auch am Arbeitsplatz, müssen für LGBTIQ-Personen gelebte Realität werden.

Daher vereinbaren wir:
- Kooperation mit der Polizei zur Verbesserung der Erhebung und Bekämp-fung von Hate Crimes.
- Initiative zur Bekämpfung homophober Gewalt im öffentlichen Raum.

Vielfalt im Alltag

Regenbogenfamilien sind längst Realität in unserer Stadt, aber in unserer Gesellschaft immer noch nicht gleichgestellt. Mit einem Regenbogenfamilienzent-rum schaffen wir Raum für Beratung, Austausch, Vernetzung und Unterstützung. Wien setzt damit auch ein gesellschaftspolitisches Zeichen für die Öffnung der Ehe und der gleichberechtigten Möglichkeit der Adoption. Denn Familie ist, wo Liebe ist.

Daher vereinbaren wir:
- Umsetzung Regenbogenfamilienzentrum: Treffpunkt, Beratungs- und Serviceeinrichtung für Regenbogenfamilien und LGBTIQ-Personen mit Kinderwunsch.

Akzeptanz ohne Altersgrenzen

Auch im Alter sollen WienerInnen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität keine Diskriminierungserfahrungen befürchten müssen.
Daher braucht es flächendeckende Schulungen für das Personal von Pflege- und Altersbetreuungseinrichtungen. Pflege- und Altersbetreuungseinrichtungen sollen sichtbare Angebote für Pflege unterm Regenbogen entwickeln und damit auf die Lebenssituation von Lesben, Schwulen, Intersexuellen oder Transgender-Personen eingehen.
Auf besondere Lebensbiografien von älteren Lesben, Schwulen und Transgender-Personen muss auch bei Wohnprojekten Bedacht genommen werden.

Daher vereinbaren wir:
- Pflege unterm Regenbogen: Flächendeckende Schulungen für das Personal von Pflege- und Altersbetreuungseinrichtungen.
- Bedarfsgerechte Wohnprojekte für LGBTIQ-Personen unterstützen.

Mit dem Mahnmalsprojekt für die homosexuellen und transgender NS-Opfer und mit der Förderung von schwul-lesbischer Geschichtsforschung bekennt Wien Farbe. Wir schaffen mit dem neuen NS-Mahnmal einen Ort des Gedenkens, der mittels zeitgemäßer Vermittlungsarbeit auch ein zentraler Erinnerungsort für die Wiener Community wird. Gemeinsam mit bestehenden Initiativen soll in der Wiener Museumslandschaft ein sichtbarer Platz für die lesbisch-schwul-bi-trans Geschichte unserer Stadt geschaffen werden.

Daher vereinbaren wir:
- Ausbau der Gedenkkultur: Fortführung der Umsetzung des permanenten Mahnmals für NS-Opfer und Unterstützung projektbegleitender schwul-lesbischer Geschichtsforschung.
- Sichtbarer Platz für LGBTIQ-Geschichte in der Wiener Museumslandschaft.

Was bedeutet das für die Wiener Community?

Homophobie

Die Bekämpfung von Homophobie, Mobbing und Gewalt sind unbestritten ein wichtiges vorhaben. Ein LGBTIAQ-Beauftragter bei der Wiener Polizei wäre ein großer Fortschritt für die Community. Ob das kommt, bzw. ob und wie die Gay Cops dabei einbezogen werden wird wich im Laufe der Zeit herausstellen. Das das Bildungsresort zu Stadträtin Sandra Frauenberger, die auch die LGBTIAQ-Agenden betreut - wie bereits erwähnt - gewandert ist, ist bei diesem Vorhaben eine große Chance. Vorurteile bekämpft man am besten so früh wie möglich. Die Anti-LGBTIAQ-Gruppen sind zwar im Westen auf dem Rückzugsgefecht, in Anbetracht der Fortschritte für die Community macht es solche Gruppen aber kurz- und mittelfristig gefährlicher. Bei der Integration von MigrantInnen darf man das Thema Homophobie ebenfalls nicht unter den Tisch fallen lassen.

LGBTIAQ im Alter

Das Thema „Schwul oder Lesbisch und alt sein“ wird uns alle schon durch den Kopf gegangen sein. Spätestens wenn man den 30er überschritten hat. In Altersheimen oder Pflegeheimen auf die Biographie von LGBTIAQ einzugehen wird zukünftig eine große Herausforderung sein, denn heutzutage trauen sich immer mehr aus der Community offen zu leben. Wollen wir dann, wenn wir Hilfe von anderen Personen benötigen wieder einen Rückschritt machen und unsere Orientierung verbergen? Mit „Ganymed“ gibt es bereits einen häuslichen Pflegedienst für Schwule, doch in Anbetracht der demographischen Entwicklung wird das wohl lange nicht reichen. Jeder Schritt zur Verbesserung der Lebenssituation für LGBTIAQ im Alter ist zu begrüssen. Welche Schritte von seiten der Stadtregierung das sind, wird sich noch zeigen müssen.

Regenbogenfamilien

Regenbogenfamilien treten immer mehr in den Vordergrund. Und mit der Möglichkeit der Fremdkindadoption wird das Thema für die Community - und die zuständigen staatlichen Stellen - noch wichtiger. Pflegekinder können von schwulen und lesbischen Paaren bereits aufgenommen werden. FAMOS (Familen Andersrum Österreich), ein privater Verein hat sich bereits seit Jahren für die Sichtbarkeit und die Verbesserung der Siuation für Regenbogenfamilien eingesetzt. Die Stadt möchte nun ein Regenbogenfamilienzentrum eröffnen. Welche Serviceangebote von der neu zu gründenden Stelle angeboten werden konnten wir bisher nicht in Erfahrung bringen.

Gedenkkultur & LGBTIAQ-Geschichte

Das (geplante) Mahnmal für die lesbischwulen Opfer der NAZI-Diktatur schlägt jetzt also ein weiteres Kapitel in einer schier endlosen Geschichte auf. Beim offiziellen Denkmal am Morzinplatz, dort wo die GESTAPO-Zentrale von Wien ihren Sitz hatte, wird vieler Opfer gedacht, nur nicht den Schwulen. Ein Mahnmal stand bereits vor Jahren auf der Agenda, aber bis jetzt konnte es noch nicht umgesetzt werden. Zwischenlösungen waren immer wieder temporäre Mahnmale, wie zB ein Blumenbeet am Morzinplatz oder im Sommer 2015 eine Skulptur auf den Naschmarkt, die allerdings zwischen den Ständen optisch untergegangen ist. Wir sind gespannt, ob es wirklich bald zu einer Dauerlösung kommt.

Die geplante Erhöhung der Sichtbarkeit von LGBTIAQ-Geschichte ist ebenfalls ein sehr lobenswertes Vorhaben. QWIEN, das Zentrum für schwul/lesbische Kultur und Geschichte unter Andreas Brunner und Hannes Sulzenbacher haben hier über Jahre bereits heraussragende Arbeit geleistet. Das Vorhaben der Stadt kann und soll nur auf der geleisteten Arbeit von QWIEN aufgebaut werden. Bekommt Wien also sein schwules Museum, wie es Berlin schon seit vielen Jahren hat, oder sollen bei den von der Stadt Wien verantworteten Museen und Austellungen auch lesbischwule Aspekte mitbehandelt werden? Der Umbau des Wien Museums wurde gerade eben erst vorgestellt. Platz gäbe es also bald dafür. Wir sind gespannt, wie sich dieses Vorhaben in der Praxis umsetzen lässt.

Regenbogenhauptstadt Europas

Mit all diesen Massnahmen - so lobenswert sie auch sind - wird Wien bis 2020 nicht die Regenbogenhauptstadt Europas werden. Der Eurovision Song Contest 2015 hat vorgezeigt, was es für das Image und die Wirtschaft der Stadt heißt, wenn tausende Schwule und Lesben zu einer Veranstaltung strömen. Der #ESC2015 mit Chonchita Wurst als Zugpferd war für das Image und die (Tourismus)wirtschaft Gold wert. Leider fällt im Jahr 2016 der Life Ball aus … Wie könnte man also Wien als Regenbogenhauptstadt positionieren?

Man könnte zB den Europride, der schon einmal um die Jahrtausendwende zu Gast in Wien war oder auch die Eurogames, sozusagen die olympischen Spiele auf Europaebene für Schwule, Lesben und Co nach Wien holen. Das würde die Stadt. Der Europride war damals ein großer Erfolg … wir Erinnern uns an die sagenhafte live Sing-Along-Vorstellung der Operette „Im weißen Rössl“ in der Wiener Volksoper und das Veranstaltungszelt am Sigmund-Freud-Park vor der Votivkirche zurück. Finanziell war es allerdings ein Desaster und der Verein, der über Jahre die Regenbogenparade „erfunden“ und organisiert hat, musste Konkurs anmelden und wurde aufgelöst, die HOSI Wien sprang als Ersatz ein.

Wir sind gespannt, was alles auf die Community zukommt, aber das bisherige Engagement der Stadt lässt uns positiv in die Zukunft blicken.