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Karl-Marx-Hof - Arbeiterarchitektur

Von 1918 bis 1934 wurde Wien von der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei regiert. Das Zentrum ihres Handelns betraf den Sozial- und Wohnungsbereich. Der Mehrheit der Stadtbevölkerung sollte ein würdiges Wohnen ermöglicht werden. Flaggschiff des Gemeindebaus ist der Karl-Marx-Hof gewesen, welcher sich im 19. Bezirk Döbling befindet. Im Westen wird dieser Baukomplex von der Heiligenstädter Straße begrenzt, im Norden befindet sich die Grinzinger Straße, im Osten die Boschstraße und im Süden trifft das Gebäude auf die Geistingergasse.

Der Beginn eines gesellschaftlichen Experimentes

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Das Gelände, auf dem der Karl-Marx-Hof heute steht, war bis in das 12. Jahrhundert hinein ein schiffbarer Donauarm. Im Jahr 1750 sind davon nur noch einige wenige Tümpel erhalten geblieben, welche unter der Regierung von Kaiser Joseph II. mit Sand aufgefüllt worden sind. In den folgenden Jahren nutzten Gärtnereien das Gelände. Dies sollte sich ändern, als Anfang des 20. Jahrhunderts ein Ruck durch die Politik Wiens ging. Nachdem das allgemeine und gleiche Wahlrecht für Frauen und Männer eingeführt worden war, erhielt die Sozialdemokratische Partei Österreichs im Rahmen der ersten Gemeinderatswahlen im Jahr 1919 in der Wiener Stadtregierung die absolute Mehrheit. Wien war damit die einzige Millionenstadt der Welt, welche zu jener Zeit von Sozialisten regiert worden ist. Drei Jahre später ist die Metropole zu einem Bundesland geworden. Dies gab der Stadt die Möglichkeit, durch eine eigenmächtige Steuerpolitik die sozialpolitischen Szenarien zu verwirklichen. Dazu gehörte beispielsweise eine sozial gestaffelte Wohnbausteuer. Eigentümer von Luxusobjekten zahlten nun hohe Abgaben und finanzierten dadurch ein vorbildliches Gesundheitswesen mit Spitälern, öffentlichen Bädern, Ambulanzen, Sportstätten, Bibliotheken für Arbeiter und Jugend- sowie Kinderbetreuungseinrichtungen. Da die Wohnungsnot unter der arbeitenden Bevölkerung groß gewesen ist, kam dem kommunalen Wohnungsbau im „Roten Wien“ eine wichtige Bedeutung zu. Flaggschiff dieser Unternehmung sollte der Karl-Marx-Hof werden.

Der Bau des riesigen Wohnprojektes Karl-Marx-Hof

Mitte der 1920er-Jahre plante das sozialdemokratische Wohnbauprogramm den Bau der drittgrößten Wohnhausanlage in Wien. Im Rahmen dessen begann die Absiedlung der Gärtnereien von dem Grundstück, auf dem heute der Karl-Marx-Hof steht. Im Jahr 1927 starteten die dreijährigen Bauarbeiten des Baukomplexes, dessen Konzeption vom Otto-Wagner-Schüler und Stadtbaumeister Karl Ehn stammte. 1.382 Wohnungen entstanden, in denen circa 5.500 Bewohner ein würdiges Dach über dem Kopf fanden. Der monumentale Bau ist und war mit vielen Erkern, grünen Balkonen, zahlreichen Türmen und hohen Fahnenmasten versehen. Betreten werden konnte dieser kleine Mikrokosmos innerhalb Wiens über Ehrenhof und imposante Tore. Das Besondere an der Konstruktion war der Fokus auf die Lebensqualität. Es war keine Mietzinskaserne, dessen Wohnungen aufgrund der Enge stets im Halbdunkeln lagen. Lediglich 20 % der mehr als 150.000 m² sind bebaut worden. Der Großteil der Fläche wurde für Gartenflächen, Spielplätze, Kindergärten, Arztpraxen, einer Bibliothek, Geschäftslokalen und Wäschereien vorgesehen. Seit Ende 1929 hatte zudem die „Beratungsstelle für Inneneinrichtung“ dort ihren Sitz. Auch die Verkehrsanbindung ist vorteilhaft. An dem mehr als 1.000 m langen Karl-Marx-Hof befinden sich vier Straßenbahnhaltestellen. Mit dieser eindrucksvollen Länge wird er zum längsten zusammenhängenden Wohnbau weltweit. Benannt wurde dieses sozialistische Werk nach dem Kommunisten, Philosophen, Ökonomen und Philanthropen Karl Marx. Im Ehrenhof befindet sich eine Bronzefigur des Künstlers Otto Hofner aus dem Jahr 1929. Über den auffälligen Rundbögen „Aufklärung, Befreiung, Kinderfürsorge, Körperkultur“ wurden zwei Keramikfiguren von Josef Franz Riedl gesetzt. Sie stammen aus dem Jahr 1930. Die offizielle Eröffnungsfeier fand am 12. Oktober des Jahres 1930 statt. Der damalige Bürgermeister Karl Seitz richtete dabei seine Worte ans Volk und verkündete: „Wenn wir einst nicht mehr sind, werden diese Steine für uns sprechen.“ Er behielt recht, denn noch immer ist der Karl-Marx-Hof ein lebendiges Denkmal seiner Zeit. Am 1. Mai 2010 ist in einem Waschsalon des Komplexes eine Dauerausstellung eingerichtet worden, welche sich mit der Historie des „Roten Wiens“, dem kommunalen Wohnbau sowie seinen Folgeeinrichtungen, der Bildungs- und Kulturtätigkeit und der Feier- und Festkultur der Wiener Arbeiterbewegung beschäftigt. Gelegentlich finden auch Sonderausstellungen statt.

Würdiger Wohnraum für die allgemeine Bevölkerung und Randgruppen

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Der Karl-Marx-Hof als Flaggschiff des Gemeindebaus im „Roten Wien“ brachte vielen Bevölkerungsschichten viele Errungenschaften. Während das kleine, wohlhabende Bürgertum in Ringstraßenpalais und prächtigen Villen weilte, hausten die Arbeiterinnen und Arbeiter in schlecht ausgestatteten Wohnungen. Mehr als 92 % aller Behausungen verfügten über keine eigene Toilette und hatten keine Wasserleitung. Die Zustände waren menschenunwürdig. Dies führte dazu, dass die Sterblichkeitsrate in benachteiligten Bezirken dreimal so hoch gewesen ist wie im 1. Wiener Bezirk. Der Architekt Hubert Gessner gehörte zu den führenden Architekten, der die Lebensbedingungen der allgemeinen Bevölkerung verbessern wollte. Ein gesundes Wohnen war gefragt, welches durch Kindergärten, Waschsalons, Arbeiterbüchereien und Gemeinschaftseinrichtungen komplettiert wurde. Von diesen Maßnahmen im „Roten Wien“ profitieren nicht nur Arbeiterfamilien. Auch alleinerziehende Mütter hatten nun die Chance, ihre Kinder gesund und würdig aufwachsen zu lassen. Für gewöhnlich gehörten sie zu dem Personenkreis, welcher bei den üblichen Vermietern nur ungern gesehen wurde. Sie passten nicht in das antike Konzept von Moral und waren eine verachtete Randgruppe. Ferner verfügten sie meist über sehr geringe finanzielle Mittel. Eine Wohnung in dem Karl-Marx-Hof gab ihnen nun die Möglichkeit, ihrer Arbeit nachzugehen. Die Kinder konnten währenddessen im ansässigen Kindergarten betreut werden. Die Wohnkosten waren sehr gering und die Hygienebedingungen für die damaligen Verhältnisse sehr gut. Häufig kamen die Bewohner zum ersten Mal in den Genuss von einem eigenen Bett, einer hinreichenden Belüftung, einem eigenen WC, einem eigenen Wasser- und Gasanschluss sowie einer Belichtung. Alleinerziehende Mütter, Familien und einkommensschwache Bürger mussten sich nun nicht mehr ungewollt fühlen. Sie wurden auf Basis des Punktesystems zur Vergabe der Wohnungen bevorzugt behandelt. Doch der Karl-Marx-Hof ist nicht nur ein herausragendes Bauprojekt aus einer vergangenen Zeit. Dem Bau kommt zudem im Widerstand gegen den Faschismus eine besondere Bedeutung zu.

Der Karl-Marx-Hof als Zentrum des Widerstandes gegen die rechte Macht

Seit Herbst 1926 kam es zu raschen Kabinettwechseln und die Polarisierung zwischen den bürgerlichen Parteien und Sozialdemokraten nahm stark zu. Die Weltwirtschaftskrise führte schließlich zu einer hohen Arbeitslosigkeit und einer großen Zerrüttung der Staatsfinanzen. Der Nährboden für einen deutlichen Kurswechsel in der Politik war gelegt. Die nationalsozialistische Bewegung verzeichnete einen Aufschwung, sodass der damalige Bundeskanzler Dollfuß im Mai 1932 den Nationalrat ausschalten musste und lediglich mit Notverordnungen regierte. Offiziell ist die NSDAP verboten worden, doch sie schaffte es, ihre Tätigkeiten illegal fortzusetzen. Diese Entwicklung führte zu dem bekannten Februaraufstand im Jahr 1934 bei dem der Karl-Marx-Hof als Zentrum des Widerstandes gegen den Faschismus diente. Dieser richtete sich gegen den austrofaschistischen Ständestaat. Aufgebrachte Arbeiter sowie der Republikanische Schutzbund verschanzten sich im Februar im Jahr 1934 in dem Wohnkomplex Karl-Marx-Hof. Vergeblich versuchten die Polizeikräfte die Anlage am 12. Februar zu besetzen. Am Abend positionierten sich starke Bundesheerverbände und die Heimwehr vor der Anlage zur Unterstützung. Angeführt wurde die große Schutzkorpseinheit von dem Kommandanten Karl Biedermann, welcher im ausgehenden Zweiten Weltkrieg ein führender Widerstandskämpfer gewesen ist. Am 8. April 1945 ist er am Floridsdorfer Spitz aufgehängt worden. Um ein Uhr nachts des 13. Februars 1934 ertönte das erste Artilleriegeschoss, um den Karl-Marx-Hof zu erobern. Am Vormittag begann der systematische Beschuss. Der Sturm auf das Gelände erfolgte schließlich unter Maschinengewehrfeuer. Auch Panzerwagen wurden eingesetzt. Bis in die Vormittagsstunden des 15. Februars dauerten die Kämpfe. Letztendlich mussten sich die letzten Verteidiger vor der erdrückenden Übermacht zurückziehen. Am Ende dieses Bürgerkrieges stand die Auflösung der Sozialdemokraten.

Die Umbenennung des Karl-Marx-Hofs

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Noch im Februar 1934 ist der Karl-Marx-Hof umbenannt worden. Nun trug er nach dem Militärkommandanten Karl Biedermann den Namen Biedermannhof. Im August 1934 erhielt der Komplex offiziell den Namen Heiligenstädter Hof. Auch die Nationalsozialisten verwendeten diese Bezeichnung. Sie nutzten das Kaffeehaus auf Stiege 3 als Versammlungsräumlichkeit für ihre Partei. Nachdem sich Österreich an die politische Gesinnung des Deutschen Reiches angeschlossen hatte, vertrieben zwischen 1938 und 1939 die Nazis 66 Familien aus dem Gebäudekomplex. Von diesen starben mindestens 29 ehemalige Bewohner im Holocaust. Mit dem Kriegsende erhielt das Bauwerk seinen ursprünglichen Namen Karl-Marx-Hof zurück. In den Nachkriegsjahren sind die Bombenschäden behoben worden und in den 1980er-Jahren erhielt der historische Baukomplex eine Generalsanierung. Bei der Stiege 32 in der Boschstraße stehen heute große Gedenktafeln. Sie erinnern an den Aufstand im Februar 1934, als dort österreichische Arbeiter als erste Widerständler innerhalb Europas sich gegen den aufkommenden Faschismus wehrten.

Der Karl-Marx-Hof als Teil der Wiener Arbeiterarchitektur

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Der Karl-Marx-Hof ist ein bedeutendes Beispiel für die Wiener Arbeiterarchitektur. Im Rahmen des Gemeindebaus gab es jedoch noch viele weitere realisierte Projekte. Aufgrund ihrer imposanten Erscheinung tragen sie auch den Beinamen „Superblocks“. Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei besaß mit ihrer proletarischen Kultur einen Gegenentwurf zu der dominierenden bürgerlichen Gesellschaft. Keine Stadtverwaltung auf der ganzen Welt hat in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen wie Wien. Das Werk, auf dem sich diese Beachtung begründet, war eine Aufbauarbeit. Trotz der kritischen wirtschaftlichen Lage entstanden in den 15 Jahren mehr als 63.000 neue Wohnungen in 382 Gemeindebauten. Dazu gehören beispielsweise der Lassallehof im 2. Bezirk, der Rabenhof im 3. Bezirk, der Goethehof im 22. Bezirk der Metzleinstaler Hof im 5. Bezirk. Auch der Reumannshof im 5. Bezirk ist ein Beispiel für den Gemeindebau. Er wurde in den Jahren 1924 bis 1926 von dem Visionär und Architekten Hubert Gessner erbaut. Die Anlage ist inzwischen denkmalgeschützt und zeichnet sich durch die charakteristischen Merkmale der Wiener Arbeiterarchitektur aus. Ein ganzheitliches und gesundes Leben sollte geschaffen werden. Der Komplex ist großflächig angelegt und umfasst 478 Wohnungen, 19 Geschäftslokale sowie weitere Einrichtungen. Der Victor-Adler-Hof im 10. Bezirk gründet sich auf den Plänen von dem Architekten Engelberg Mang. Giebel und Balkone mit Rundbögen geben dem Komplex mit seinen 117 Wohnungen eine wohnliche Atmosphäre. Im 10. und 12. Bezirk befindet sich der George-Washington-Hof. Diese Wohnanlage ist von den Architekten Robert Oerley und Karl Krist konzipiert worden und orientiert sich an der aufgelockerten Struktur einer Gartenstadt. Damit ist auch dieser Gebäudekomplex ein gutes Beispiel für die Fokussierung auf den Wohlfühlcharakter der Wiener Arbeiterarchitektur. Besonders auffällig ist bei dem George-Washington-Hof der weitläufige Innenhof mit seinem Doppeltorbogen, der mit einem Reliefmedaillon von George Washington versehen wurde. Wie auch der Karl-Marx-Hof verfügt diese Anlage über gemeinschaftliche Sozialeinrichtungen wie Kindergärten, Waschküchen und einer Bibliothek. Damit entspricht sie den frühen sozialen Großwohnkomplexen.

Weitere Gemeindebauten im Roten Wien

Mit knapp 1.600 Wohnungen ist der Sandleitenhof im 16. Bezirk die größte kommunale Wohnhausanlage aus der Zeit des „Roten Wiens“. Die Anlage umfasst ein Gelände, dessen Mittelpunkt der Mateottiplatz ist. Umgeben wird dieser Gemeindebau von der Steinmüllergasse, der Sandleitengasse, der Rosenackergasse, dem Nietascheplatz, der Baumeistergasse und der Karl-Metschl-Gasse. Durch den Komplex ziehen sich die Liebknechtgasse, die Rosa-Luxemburg-Gasse und die Gomperzgasse. Der Gemeindebau Friedrich-Engels-Platz liegt im 20. Bezirk und verfügt über 1.467 Wohnungen. In den letzten Jahren des „Roten Wiens“ wurde das vom Rudolf Perco entworfene Projekt erbaut. Wie viele andere Gemeindebauten umfasst die Anlage einen Kindergarten, eine Apotheke, ein Postamt, eine Wäscherei, Badeanlagen, eine Gaststätte, ein Parteilokal und einige kleine Läden. Im Jahr 1926 ist mit dem Bau des Karl-Seitz-Hof begonnen worden. Führender Architekt ist wie beim Gemeindebau Metzleinstaler Hof Hubert Gessner gewesen. Die Errichtung der 1.173 Wohnungen dauerte sieben Jahre. Architektonisch wurde sich eindeutig an den Repräsentationsdogmen der Sozialdemokratie der Ersten Republik orientiert, was durch die Betonung des Horizontalen, der zurückgehenden Mittelfront und den gestaffelt errichteten Türmen deutlich wird. An den Achsen befindet sich der Zugang zu den Höfen.